Fahrrad-Fanboys halten New York im Würgegriff

Eine der schönsten Velostrecken: die 5. Avenue in Manhattan. (Foto: Marianne Lévai)

Seit den Jahren von Michael Bloomberg als Bürgermeister folgt die Verkehrspolitik in New York genau einem Leitstern: dem Velo. Kein oberirdisches Transportmittel wird so gehätschelt und mit Steuergeld verwöhnt wie das Zweirad. Obwohl die grösste US-Metropole im motorisierten Verkehr erstickt, werden überall Fahrspuren und Parkplätze vernichtet, um Velowegen Platz zu machen. Inzwischen gibt es davon in allen fünf Stadtteilen nicht weniger als 2170 Kilometer.

Jetzt kommt auch Midtown Manhattan dran. Die zentrale 6. Avenue soll von der 35. Strasse bis zum Central Park für allen anderen Verkehr verengt werden, nur damit Velofahrer unbehelligt in die Pedale treten können. Eine hässliche Abtrennung wird die imposante Kulisse der Bürotürme des Rockefeller Center verunstalten, darunter die Türme der UBS, Bank of America, Bank of China und News Corp. Dem schlagenden Herz des New Yorker Business wird mutwillig die Kranzarterie verstopft.


Zweiräder gehören gepusht, das fordert in von viel Ideologie unterfüttertes Dogma


Über Fahrradwege so zu denken, ist im höchsten Mass politisch inkorrekt. Zweiräder gehören gepusht, das fordert ein von viel Ideologie unterfüttertes Dogma. Klimakalkulationen sind im Vergleich die Zuckerglasur auf dem Kuchen: Nicht einmal 100 000 Menschen fahren in New York täglich mit dem Velo zu Arbeit; 3,6 Millionen benutzen andere Verkehrsmittel.

Meine Kritik am Überhandnehmen der Velowege hat etwas Schizophrenes. Ich bin in New York nämlich immer gern geradelt. Kein Verkehrsmittel lässt sich so präzis timen, und die 5. Avenue hinunterzusausen, versetzt mich in Euphorie. Vor Jahren betrachtete ich es noch als Mutprobe, mich ohne Blechschutz ins Autogewühl zu stürzen – auch wenn ich nie so weit ging wie die waghalsigen «Messengers», die auf ihren freilauflosen Bikes in haarsträubenden Slaloms durch den rollenden Querverkehr kurvten.

Heute schätze ich grösseren Abstand zu massigen Trucks. Aber ich sitze nicht immer auf einem Velo. Wenn ich als Fussgänger aufs grüne Licht warte, erschrecken mich regelmässig Verträger, die auf Fahrradwegen mit illegalen Elektrovelos in nächster Nähe an mir vorbeirasen, ohne je abzubremsen.

Zweirad-Rowdys jagen mir auch hinter dem Steuerrad eines Autos Angst ein. Links abzubiegen, kommt mir heikler vor, wenn ich einen von geparkten Autos optisch verdeckten Veloweg kreuzen muss. Das scheinbare Gefühl von Sicherheit auf Fahrradspuren ist mit dafür verantwortlich, dass letztes Jahr in New York City 28 Velolenker starben, doppelt so viele wie 2018. Die Fahrradtoten bewegten die Gemüter stärker als die 122 Fussgänger, die im Verkehr ihr Leben verloren. Und als Gegenmassnahme kommt nur etwas infrage: noch mehr Velowege. Dass dies den Raum für die unverzichtbaren Taxis, Uber-Limousinen, Lieferwagen, Laster, Ambulanzen und Fire-Trucks verringert, gehört mit zum Konzept. Gefragt ist nämlich nicht der Kompromiss, sondern der Zwang, und der geht immer in eine Richtung. Zu den Siegern gehört in jedem Fall das Fahrrad.


Erschienen am 29. Februar 2020 in der Basler Zeitung.

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