Schwung holen in New Yorks roter Geschichte

Senatorin Elizabeth Warren spricht vor dem Triumphbogen zu Ehren George Washingtons. (Video: Martin Suter)

Es gibt Tage im Jahr, da ist es von Vorteil, im New Yorker Stadtteil Greenwich Village zu wohnen. Letzten Montag war so ein Tag. Im Fernsehen, es war schon nach sechs, hiess es unvermittelt, im Washington Square Park ergreife jetzt gleich Elizabeth Warren das Wort.

Kurz entschlossen mache ich mich zu Fuss auf den Weg und bin nach nur sechs Häuserblocks vor Ort. Umringt von Tausenden steht die Senatorin aus Massachusetts vor dem zu Ehren George Washingtons errichteten Triumphbogen und brüskiert die Hälfte des Publikums: «Wir sind nicht hier wegen berühmten Bögen oder berühmten Männern. Wir sind überhaupt nicht hier wegen Männern!»

Warren wählte den Park im südlichen Manhattan, um dem Schwung ihrer Präsidentschaftskandidatur noch eins draufzugeben. Das gelang einst Barack Obama. 2007 begeisterte er 20 000 Fans im Washington Square, bevor er im Folgejahr den Wahlsieg errang.

Das grüne Geviert, ein Achtel kleiner als der Basler Schützenmattpark, atmet wie kein zweiter Ort in New York linke Geschichte. Warren machte sich dort stark für die Rechte von Frauen, Arbeitern und Minderheiten – alles Themen, von denen die Bäume im Washington Square Park flüstern könnten.


Elizabeth Warren machte sich im Washington Square Park stark für die Rechte von Frauen, Arbeitern und Minderheiten.


In seinem Boden ruhen noch heute über 20000 zumeist afroamerikanische Gebeine, denn in den Jahren nach der amerikanischen Revolution diente er als Armenfriedhof. Die Arbeiterbewegung keimte hier 1832, als die New York University für einen Neubau statt Steinmetzen billige Sträflinge einsetzte. Die geprellten Handwerker organisierten den ersten Protestmarsch der Stadt, und danach wurde ein Aufruhr mit Militärgewalt unterdrückt.

Im 20. Jahrhundert trafen sich im Washington Square Park politische Radikale. Kommunisten wie John Reed oder Max Eastman begründeten als Vorläufer das «rote Jahrzehnt», als ab 1929 Protestsänger, linke Theatergruppen und politische Demonstrationen das Greenwich Village prägten.

Die progressiven Reformideen Elizabeth Warrens scheinen dieser Kultur des Washington Square Park wie entsprungen. Doch am Montag machte die Senatorin eine Frau zu ihrer Leitfigur: Frances Perkins. Die damals 30-Jährige wurde 1911 Augenzeugin eines Fabrikbrands in der nahegelegenen Triangle Shirtwaist Factory, dem 146 Näherinnen zum Opfer fielen. Perkins organisierte nach dem Unglück Proteste, setzte Sicherheitsvorschriften durch und wurde später unter Präsident Franklin Roosevelt erste Kabinettsministerin überhaupt.

Natürlich will Warren Perkins übertreffen und Amerikas erste Präsidentin werden. Im linksliberalen New York erntete sie dafür tosenden Applaus. Nach der Rede harrte sie über vier Stunden aus, bis die letzten Fans ihre Selfies mit ihr geschossen hatten.

Zu diesem Zeitpunkt bin ich längst wieder zu Hause. Einmal mehr fand im Washington Square Park Geschichte statt, aber nur eine vorläufige. Das Land ist gross, und Warren hat die Wahl längst nicht in der Tasche. Um ihre wahren Chancen zu beurteilen, dafür ist das Wohnen in Greenwich Village kein Vorteil.


Erschienen am 21. September 2019 in der Basler Zeitung.

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